Die universale Bruderschaft der Rosenkreuzer ǀ Über die Bedeutung von Fraternität

Wir bezeichnen uns bei AMORC als dem Alten und Mystischen Orden vom Rosenkreuz gerne als Bruderschaft, was durchaus dem Selbstverständnis der Rosenkreuzer zu entsprechen scheint. Dieser Begriff taucht häufig im Rahmen von Ankündigungen und Programmen auf, wir finden „die Bruderschaft der Rosenkreuzer“ als Buchtitel, und auch Artikel und Sendungen referieren auf diesen Ausdruck. Offensichtlich ist das Wort Bruderschaft mehr als eine schlichte Kennzeichnung der Rosenkreuzer und steht für eine Art Grundgedanke, Prinzip oder Leitbild im Sinne eines Gewissheit vermittelnden Ideals und Anspruchs.

Sicherlich ist Bruderschaft auch ein traditioneller Ausdruck und so mag man sich fragen, ob dieser überhaupt noch in die heutige Zeit passt. So verwenden einige unserer Sorores als abschließende Grußformel gerne „mit schwesterlichen Grüßen“ oder „in schwesterlicher Verbundenheit“ und heben sich damit bewusst von den üblichen, quasi „offiziellen“ Gepflogenheiten ab. Und doch wissen wir, dass es sich bei AMORC im Gegensatz zu anderen Organisationen eben gerade nicht um einen von patriarchalen Strukturen geprägten Männerbund handelt.

Wir alle sind uns mehr oder weniger der Bedeutung des Feminismus für die Entwicklung unserer Gesellschaft bewusst, auch wenn es schwierig sein mag, genau zu definieren, was unter dieser mehr als die Rechte von Frauen betreffenden Emanzipationsbewegung eigentlich zu verstehen sein mag. Feminismus ist gegenwärtig eher eine Art Oberbegriff für sämtliche gesellschaftlichen, philosophischen, akademischen, politischen und sozialen Strömungen zur Überwindung festgeschriebener Hegemonien. Basierend auf kritischen Analysen vorherrschender Strukturen geht es um weit mehr als Geschlechterordnungen, nämlich um Gleichberechtigung, Teilhabe, Menschenwürde und Selbstbestimmung.

So wie dieser Drang zur Befreiung überkommener Zustände ursprünglich in der Erkenntnis der Unterdrückung von Frauen als gesellschaftlicher Norm gewurzelt haben mag, tritt er uns heute in ähnlicher Form in der Auseinandersetzung um die geschlechtliche Orientierung und Identität bzw. Nichtidentität entgegen. Egal welche Erweiterungen das ursprüngliche Akronym dieser Bewegung erfahren magen hab (LGBTQ+, LGBTQIA*), stets geht es dabei um Abkürzungen als ausdrückliche Abgrenzung gegenüber oftmals nur unterstellter Heteronormativität; und so wird diese Bewegung ihrer postulierten inklusiven Haltung kaum wirklich gerecht.

Auch die „Frauenbewegung“ wurde häufig als gegen Männer gerichtet missverstanden. Wäre es daher nicht eher geboten, heute anstelle von Bruderschaft geeignetere Begrifflichkeiten zu finden? Daniele Ganser hat zum Beispiel den wunderschönen Ausdruck der „Menschheitsfamilie“ geprägt bzw. einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht und vermeidet damit ganz automatisch jede Art von Spaltung. Wäre es nicht zielführender von der Menschheitsfamilie zu sprechen, anstelle von der Bruderschaft der Menschheit?

Ganz so einfach wie uns das vielleicht vorkommen mag, scheint es nicht zu sein. Selbst der Eintrag bei Wikipedia kann uns auf eine Spur bringen, obgleich dieses online-Lexikon in aller Regel lediglich bei wissenschaftlichen Einträgen zuverlässig ist, und bei weltanschaulichen, gesellschaftlichen oder gar esoterischen Begriffen eher als Meinungsmache aufgefasst werden kann. Dort heißt es zwar erwartungsgemäß zunächst, dass eine Bruderschaft eine „organisierte Gemeinschaft oder Körperschaft von Männern“ sei, „die sich untereinander „Brüder“ nennen […] und gemeinsame Interessen verfolgen. Einige Bruderschaften, so heißt es weiter, haben sich im Laufe der Zeit auch für Frauen geöffnet.“ Nach einem Satz über Schwesternschaften heißt es dann aber: „Alle Gemeinschaften beziehen sich auf Brüderlichkeit als eine ihrer Grundlagen“, also auch Schwesternschaften. Dies könnte kaum möglich sein, wenn beim Ideal der Bruderschaft irgendetwas Geschlechtliches eine Rolle spielen würde, völlig unabhängig davon, welcher Art der Definition von Geschlecht man zuneigen mag, also ob eher biologisch, soziokulturell, rechtlich oder wie auch immer.

Die als Dion Fortune bekannte Violet Mary Firth wusste um das große Geheimnis des Weiblichen und des Männlichen als den beiden großen Grundkräften des Kosmos. Manche zählen Dion Fortune zu den ersten Vorkämpferinnen für Frauenrechte im Viktorianischen England ihrer Zeit und werten ihr Leben als Prophezeiung für die Gleichheit der Frau. Dennoch gab sie dem von ihr ins Leben gerufenen Orden den Namen „Bruderschaft des inneren Lichts“, der erst nach ihrem Tod in „Gesellschaft des inneren Lichts“ geändert wurde. Klar, man kann eine derartige Entscheidung begrüßen, entspricht die gewählte neutralere Bezeichnung als Gesellschaft doch eher unserem heutigen Verständnis im Sinne des Zeitgeists. Allerdings geht dadurch doch etwas ganz Wesentliches und Bedeutsames verloren, auch wenn dies vielleicht auf den ersten Blick nicht offensichtlich erscheint.

Wieder einmal hilft es, ein wenig auch zeitlichen Abstand zu gewinnen, um sich der Bedeutung von Begriffen, wie Mann und Frau oder Bruder und Schwester im Altertum anzunähern, um so zu einem umfassenderen Verständnis zu gelangen. In der Alten Welt bestand eine gewisse Systematik der Geschlechter. Wir sollten uns bei der Betrachtung dieser Systematik allerdings davor hüten, irgendeine Art von „Wertung“ mitzudenken. Eine solche existierte im Ursprung nicht und entspricht späteren Zuschreibungen auf Grund eines Verlusts an Bedeutung und Verständnis, der auch unsere heutigen Auffassungen in der Regel unbemerkt prägt.

In der antiken Welt nahm der Mann die erste Stelle ein, neben dem Licht, der Sonne und dem Gold; die Frau folgte dann an zweiter Stelle, wie das Wasser, der Mond und das Silber. Der Zusammenhang zwischen Mann und Sonne, zwischen Frau und Mond wird auch heute noch gefühlsmäßig akzeptiert, obwohl das dieser Systematik zugrundeliegende Wissen verloren gegangen ist. Man denke an Dinge wie, dass die monatliche Periode der Frau normalerweise der Monatsperiode des Mondes entspricht, oder dass die Sonne lichtspendend und der Mond lichtempfangend ist.

So wird auch die Zahl Eins in der Alten Welt nicht als Bestandteil eines großen Ganzen angesehen, das aus vielen Teilen besteht, sondern in erster Linie als ein Ausdruck für den Begriff Einheit, der alles umfasst. Die Eins stellt eine Welt dar, außerhalb derer nichts weiter existiert, da alles darin eingeschlossen ist. Der Begriff der Zwei, wie wir ihn kennen und der zwei verschiedene voneinander getrennte Dinge bezeichnet, ist also in der Welt der Eins ausgeschlossen. Sobald es eine Zwei gibt, entsteht eine gänzlich andere Situation, eine neue Welt; es gibt nun die Vielheit gegenüber der geschlossenen, alles umfassenden Einheit. In diesem Sinne wird der Mann als das Primäre, das Geistige oder das Innere angesehen und die Frau als das Sekundäre, das äußerliche der materiellen Welt. So stehen sich Mann und Frau gegenüber, als Gott und die Schöpfung ‒ bar jeglicher Wertung, die wir heute damit verknüpfen und gedanklich unterstellen.

Die Begriffe Mann und Frau sind also nicht ganz so eindeutig, wie dies zunächst erscheinen mag und unterscheiden sich deutlich von unserem heutigen Sprachgebrauch. Es geht also eher um gewisse Prinzipien, nämlich die beiden großen Grundkräfte des Kosmos. Demnach ist bei jedem Menschen, ob Mann oder Frau, der Körper das Weibliche, die Frau, und das Innere ist das Männliche, der Mann. Diese Systematik zieht sich durch das gesamte Alte Testament und findet sich selbst im Neuen Testament, die ja beide zusammengehören und als Einheit zu betrachten sind.

Wenn es bei Paulus heißt, die Frau solle nicht reden, so bedeutet dies, das Äußere solle nicht den Ton angeben, die äußere Wahrnehmung soll schweigen. Keine Spur davon, dass Paulus Frauen als weiblichen Personen das Wort verbieten will. Dies ist auch gemeint mit der Aussage, die Frau solle Ihr Haupt bedecken. Dies heißt, dass die äußeren Aspekte des Menschen, die Körperlichkeit, sich bedecken soll, d.h. sich bedeckt halten, nicht den Ton angeben soll. Der Mensch soll nicht den Körper in den Vordergrund stellen, sondern sich mit dem inneren Sein befassen. Die Termini männlich und weiblich oder Mann und Frau werden also in der gesamten Bibel in einem ordnungssystematischen Sinne verwandt, meist zur Unterscheidung von Seele und Körperlichkeit.

Diese Definitionen finden sich auch in anderen Weisheitsschriften, zum Beispiel in den Upanischaden. Dort findet sich der Begriff Purusha, der wie Adam in der Bibel für die ursprüngliche Geist-Seele steht, das Innere des Menschen noch bevor es das Äußere gibt. Im Brihad Bhagavatamrita heißt es „Der Purusha teilte sich in zwei Hälften; und so wurden gebildet der männliche und der weibliche Teil, darum sind beide nur je eine Hälfte. Somit wird der Raum von der Frau ausgefüllt.“ Auch hier steht der Raum als das Äußere für die Frau als umhüllendes, körperliches Prinzip.

Wenn in alten Texten von der Hervorbringung eines Sohnes berichtet wird, dann bezieht sich dies auf eine neue Bewusstseinseigenschaft, eine neue Qualität des Bewusstseins, die hervorgebracht wurde. Und wenn von Töchtern die Rede ist, dann bezieht sich das auf die Körperhüllen bzw. die Körperlichkeit des Menschen. Diese Definition von männlich und weiblich bezieht sich auf Seins-Prinzipien und hat nicht das Geringste mit einer ohnehin unsinnigen Bewertung von Mann und Frau im heutigen Sprachgebrauch zu tun.

Daher wird Gott auch als Vater bezeichnet, oder in Zahlen wie zum Beispiel im Hebräischen als 1-2 oder Aleph-Beth. Gott als Vater entspricht der ursprünglichen Einheit, aus der die gesamte Schöpfung hervorgeht und die gewissermaßen sein Gegenüber bildet, seine Hülle als Tempel; und daher ist die Welt oder das Äußere eine Art Spiegel sowohl für die Gottheit aber auch für den Menschen. So können wir erahnen, was unter Gott als unserem Vater zu verstehen ist. Gott ist eben kein weißer alter Mann mit Bart oder eine Art gasförmiges Wirbeltier. Und auch feministische Sprüche wie „als Gott den Mann schuf, übte sie bloß“ mögen einen zwar amüsieren, gehen aber am Wesentlichen vorbei.

Wir sollten also besser darauf verzichten, alte Texte in einer Art dem Zeitgeist geschuldeten, vorauseilendem Gehorsam und vermeintlicher politischer oder wissenschaftlicher Korrektheit entsprechend zu korrigieren. Selbst mit den allerbesten Absichten wird es nicht ausbleiben, dass wir dadurch Bedeutungsebenen und Zusammenhänge verlieren, die es uns weiter erschweren, einen Zugang zu den inneren Welten jener Werke zu erhalten, die unserem Weg der Höherentwicklung so förderlich sind. Insbesondere bei jüngeren Werken mögen durchaus Bedeutungsebenen mitschwingen, an denen wir uns reiben und die von oft auch überkommenen Vorstellungen geprägt sind. Denken wir an Begriffe wie Völker oder noch schlimmer: Rasse. Es mögen sich uns die Haare sträuben, aber dennoch, das Wort Völker ist in der alten Welt eine Bezeichnung für die Vielheit. Es geht nicht um völkisches Gedankengut. Hilft es uns wirklich, den Begriff der Rasse oder des Volkes, auch wenn er heute kaum mehr erträglich und auch sachlich falsch erscheinen mag, gegen vermeintlich besser geeignete Begriffe wie Kulturkreis oder Kulturen zu ersetzen? Bei neueren und aktuellen Texten könnte man ggf. auf den neutraleren Begriff der Herkunft ausweichen, doch bei älteren Texten erscheint es eher angebracht, sich in das Innere des Textes quasi hineinzufühlen, als reflexartig und unüberlegt Begriffe auslöschen zu wollen. Auch eine Sprachpolizei oder ein wie auch immer geartetes Kontrollgremium wird unsere Schwierigkeiten und gegenwärtigen Konflikte nicht entschärfen, entsteht das Problem doch eher im Kopf, in unserer Art zu denken und zu sein. Es ist wohl doch eher eine Frage des Bewusstseins und der Geisteshaltung.

Selbstverständlich sollten wir dennoch bewusst auf unsere Sprache achten; sie lebt und entwickelt sich durch unseren Gebrauch und Umgang quasi von ganz allein und entsprechende Verordnungen scheinen nicht wirklich zielführend zu sein, zumal diese gelegentlich auch noch sachlich falsch sind. Selbst uns vielleicht so geeignet erscheinende Begriffe wie den der bereits erwähnten Menschheitsfamilie lösen unser grundsätzliches Problem nicht. Wenn wir von einer Familie sprechen, so schließen wir doch nur jene ein, die zur Familie gehören. Was ist mit den anderen, die nicht dazu gehören? Sollten wir nicht besser von der Familie des Lebens sprechen und auch die Tiere und Pflanzen miteinbeziehen. Was ist dann aber mit der uns unbelebt erscheinenden Welt; wollen wir diese wirklich ausschließen? Gilt es nicht, der gesamten Schöpfung entsprechende Achtung entgegenzubringen und diese unserem Auftrag gemäß zu bewahren? Vermutlich bleiben wir doch besser bei unserer traditionellen Bezeichnung und unserem Selbstverständnis als Bruderschaft. Wir erahnen vielleicht, um was es wirklich geht. Natürlich gibt es im Außen Analogien und es ist ganz wunderbar, wenn einige unserer Sorores uns schwesterliche Grüße entgegenbringen. Aber mit der traditionellen Anrede und Begrüßung als Brüder und Schwestern ist jeder einzelne Mensch in seinem inneren und äußeren Wesen angesprochen.

In diesem Sinne ist die geistige Welt, die wir häufig in eine innere und eine höhere unterteilen, die primäre und die materielle Welt lediglich eine sekundäre Erscheinungsform derselben; umso wichtiger ist es, auf beiden Ebenen zu wirken, schließlich kommt uns als Menschen die Aufgabe eines Mittlers zu, und als Mittler zwischen den Welten tragen wir eine besondere Verantwortung. Nehmen wir diese Ver-Antwortung wirklich an, so erfolgt unsere Antwort darauf aus dem tiefsten Inneren unseres eigenen Wesens. Je mehr uns das gelingt, desto mehr erkennen wir, dass im Absoluten alle Gegensätze zusammenfallen.

Die materielle Welt, das Weibliche oder die äußere Hülle mag uns zwar „nur“ als ein äußeres Zeichen, als Ausdruck von etwas viel Tiefgreifenderem erscheinen und dieses im wahrsten Sinne des Wortes Wesentliche mag uns auch zumeist überwiegend verborgen bleiben. Dennoch entspricht es in seinen äußeren Begebenheiten doch auch dem stets erforderlichen materiellen Anker, der es überhaupt erst ermöglicht, dass das eigentliche spirituelle Geschehen auch auf der äußeren Ebene seinen Ausdruck finden kann, um zu gegebener Zeit gewissermaßen Früchte zu tragen, die weit über uns selbst hinausreichen. Es gibt keine wirkliche Trennung zwischen dem Diesseits und der uns jenseitig erscheinenden Welt, zwischen innen und außen und auch keine Trennung zwischen Ich und Wir.  Alles ist ein einziges großes Sein. Die gesamte Fülle der sichtbaren und der unsichtbaren Schöpfung ist ein lebendiges Ganzes.

Stehen wir wirklich in Verbindung mit unserem Inneren, so erscheint uns das hohe Ideal des Rosenkreuzes nicht allein als etwas, dem wir nachstreben sollten oder müssten. Wir handeln gemäß diesem Ideal von innen heraus, einfach deshalb, weil es uns entspricht und wir gar nicht anders zu handeln in der Lage sind. Lassen wir unsere Antworten aus uns selbst hervorströmen, und wir erkennen, dass wir im Universum zu Hause sind, und dass der Kosmos als diese eine große allumfassende Welt unser Ort ist. Leben wir gemeinsam diesen Traum, so dass dieser auch im Außen zu neuer Blüte gelangen und Früchte tragen kann, jene Früchte, die nicht nur uns selbst nähren. Diese besonderen Früchte reichen weit über uns selbst hinaus und ermöglichen es, die Menschheit und die gesamte Schöpfung als Einheit zu erfahren und die universale Bruderschaft der Menschheit zu leben.

Alexander Crocoll

Großmeister des AMORC für den deutschsprachigen Raum