Kostbare Stille – Quelle von Gesundung, Kreativität und Einssein

Kostbare Stille – Quelle von Gesundung, Kreativität und Einssein

In vielen spirituellen Traditionen wird Stille als Weg zum Göttlichen angesehen. Sie soll dabei helfen, unseren Gedanken zu lauschen, uns mit unserer Intuition zu verbinden und das wahre Selbst zu erkennen.

Pythagoras hat die Stille als Quelle der Erkenntnis und der Harmonie betrachtet. Er und seine Anhänger lebten nach dem Prinzip der Stille, um sich auf innere Reflexion und spirituelle Übungen zu konzentrieren. Neuaufgenommene Schüler wurden der Disziplin des Schweigens ausgesetzt, sie durften weder fragen noch sprechen. Wenn sie es dann endlich durften, äußerten sie sich mit Vorsicht und Respekt. Sie lernten durch innere Erfahrung, dass die Stille die göttliche Kraft und Mutter aller Tugenden ist.

Die Legende besagt, dass Pythagoras die Sphärenmusik, die durch die Bewegung der Planeten erzeugt wird, hören konnte. Dies war nur durch tiefe Stille und inneres Hören möglich.

In der Bibel (Psalm 46) steht: „Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin!“

Jesus (Mat 6) gibt uns eine gute Hilfe um still zu werden, indem er sagt: „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“

Wenn man selbst an Stille denkt, fühlt man sich oft sofort wohl, sicher, entspannt und zufrieden.

Eine Mutter stillt ihr Kind. Das Stillen löscht nicht nur den Hunger, sondern stillt auch das Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit.

Stille ist die Möglichkeit, Luft zu holen, innezuhalten und in sich und das Leben hineinzuhorchen. Die stillen Momente sind unsere Kraftquellen – sie sind lebensnotwendig und wir sollten sie regelmäßig aufsuchen.

Wie es in der „Desiderata“ heißt: „Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann.“

Stille fördert die Fähigkeit zum Zuhören, zum bewussten Beobachten, unsere Achtsamkeit und Ausgeglichenheit und hilft uns, unsere Emotionen zu kontrollieren.

In der Kunst birgt sie die inspirierende Kraft für kreatives Schaffen.

Stille wirkt sich auch auf unseren Körper aus. Sie kann Stress abbauen, senkt den Blutdruck, man kommt zur Ruhe und unsere Nerven können heilen.

In einer Welt, die uns ständig mit Reizen stimuliert, kommt es leicht zur Überlastung der Sinne. Das Gehirn kann die Flut der Eindrücke nicht mehr verarbeiten. Deshalb sehnen wir uns nach der Stille.

Viele Menschen hören bei absoluter Stille ein leichtes Piepen, Rauchen oder Pfeifen in den Ohren. Es kann der eigene Puls, das Rauschen des Blutes oder die Nervenspannung sein.

In der Philosophie gilt Stille als erkenntnisfördernd, als eine Möglichkeit, einen Raum für das Denken zu öffnen. Stille ist der wortlose Moment, in dem die Wahrheit ans Licht drängt. Sie ist ein Zustand, in dem Zeit und Raum ihre Bedeutung verlieren.

Louis-Claude de Saint-Martin erklärt: „Große Wahrheiten werden nur durch Stille gelehrt“.

„Der Weg zu allem Großen geht durch die Stille.“, schreibt Friedrich Nietzsche.

Unsere Gesellschaft meidet in der Regel die Stille. Wir haben das Schweigen verlernt und drehen Musik und Medien auf, wenn es still wird.

Wie ist es in der Meditation, im Gebet oder wenn wir in die Stille gehen? Wie wirkt der Zustand der Stille? Zuallererst, wenn die Stille vorherrscht, macht sie Gedanken und Gefühle lauter. Denn wenn wir geistig aktiv oder beschäftigt sind, halten sich diese zurück. Wenn wir unsere Augen schließen, uns willentlich beruhigen und mehr und mehr in die Stille unseres Seins eintauchen, können wir die unendliche Weite in uns selbst entdecken.

Wir können diesen Raum der Stille nicht immer spüren. Manchmal hilft es, sich in einen äußeren „Raum der Stille“ zu begeben, etwa in eine stille Kirche oder auf einen Baumstamm in einem stillen Wald.

Dann wird man eins mit der Stille um sich herum. Und wenn man mit der äußeren Stille eins ist, spürt man auch in sich diesen stillen Raum, den Ort der inneren Einkehr. In diesem wohltuenden Freiraum der Stille haben andere Menschen keinen Zutritt.

In der Stille zu sein bedeutet, uns Zeit zu geben, uns selbst zu begegnen und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Mit innerer Zufriedenheit und Gelassenheit kommt auch Frieden und innere Ruhe. Man ruht in dieser tiefen, reinen Stille, im reinen Sein.

Die Mystiker sprechen davon, dass in jedem von uns ein Raum der Stille ist. Es ist ein Raum des Friedens, des Lichtes und der Liebe. Dieser Raum ist in uns. Unsere Aufgabe ist es, in diesen Raum mit unserem Bewusstsein einzutauchen.

Aus innerer Stille, aus der Berührung des Göttlichen in der inneren Stille, kommt die Fähigkeit zu wahrem schöpferischem und aufbauendem Tun.

Wird Stille allerdings nur als Abwesenheit von Geräuschen und von Gedanken angesehen, fehlt die Resonanz mit dem Höheren. Und wenn diese fehlt, bedeutet Stille Einsamkeit: Dann, wenn keiner an die Tür klopft, keiner lacht und jeder Laut von einem selbst kommt, kann das stille Unglück der Einsamkeit gedeihen.

Es gibt einen „Stillsten Raum der Welt“ in Minnesota. Dort werden 99,99% der Geräusche absorbiert. Normalerweise orientieren sich Menschen an Geräuschen, wenn sie sich bewegen. In diesem schalltoten Raum fehlen sie. Man wird selbst zum Geräusch. Länger als 45 Minuten hat es noch nie jemand darin ausgehalten.

Aber es gibt auch einen Raum der Stille, der seit 1994 Teil des Brandenburger Tors ist. Er ist ein heiliger Ort, der an keinen Glauben gebunden ist und so allen Menschen offensteht. Er ist Symbol für Toleranz, Einheit und Frieden.

In der Stille können wir alle Eins sein.

Schließen wir diese Betrachtung mit einem rosenkreuzerischen Zitat:

„Als ich heimkehrte zu mir selbst
und eintrat in mein Innerstes,
sah ich mit meinen Augen der Seele
das unveränderliche Licht.
Nicht das Licht der Welt,
das den Sinnen sichtbar ist,
sondern die Welt des Lichtes,
das in unserem Innersten ist.“