Aus der rosenkreuzerischen Geschichte – Die Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz
Aus der rosenkreuzerischen Geschichte – Die Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz
In diesem Blogbeitrag stellen wir Ihnen einen Auszug aus dem Buch „Geschichte und Mythos der Rosenkreuzer“ von Christian Rebisse vor, das über den Buchhandel oder den Verlag AMORC-Bücher bezogen werden kann. Es bietet einen sehr umfassenden Überblick über Quellen und Inhalte rund um die hermetische, kabbalistische und rosenkreuzerische Tradition, der sich AMORC – Die Rosenkreuzer als Nachfolgeorganisation der Rosenkreuzer der 17. und 18. Jahrhunderts verpflichtet fühlt.
Der Autor stellt klar heraus, dass sich das Rosenkreuzertum aus verschiedenen mystisch-esoterischen Traditionen speist und vor allem auch in der Alchymie wurzelt, die als spiritueller Weg der Verwandlung und Veredelung des Menschen bis heute eine wesentliche Inspirationsquelle für die Unterweisungen, Praktiken und Meditationen der Rosenkreuzer bildet.
Lesen Sie daher einen Auszug aus dem Kapitel, das einer der drei reformatorischen Urschriften des Rosenkreuzertums gewidmet ist, die vom reichen Erbe alchymischer und hermetischer Weisheit und Bildgewalt getragen ist – die „Chymische Hochzeit“:
Im Jahre 1616 erschien „Die Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz“, ein Buch, das als das dritte Rosenkreuzer-Manifest betrachtet wurde. Es erschien in Straßburg bei Lazare Zetzner, dem Herausgeber des „Theatrum Chemicum“ und zahlreicher alchemistischer Abhandlungen. Dieser Text unterscheidet sich sehr von den beiden ersten Manifesten. Zunächst einmal weiß man, obwohl er anonym herausgegeben wurde, dass Johann Valentin Andreae sein Autor ist. Dann hat er eine besondere Form: Er wird dargestellt als ein alchemistischer Roman, eine Autobiografie.
In dieser Epoche nahmen die Naturwissenschaften einen großen Aufschwung. Wie viele Publikationen aus damaliger Zeit bezeugen, trübte dieser naturwissenschaftliche Fortschritt dennoch nicht die Vitalität der Alchemie. Diese trug dazu bei, die Überlegungen der Forscher zu bereichern, was Frank Greiner veranlasste zu sagen, dass „die Erfindung der modernen Welt nicht unbedingt vom Triumph des Mechanismus herrührte, sondern auch einige ihrer Fermente in den Destillierkolben der Goldmacher und den Quintessenz-Schleudern fand“. Im 17. Jahrhundert erweitert die Alchemie ihre Arbeitsgebiete. Sie will eine Universalwissenschaft sein, befasst sich mit medizinischer Anwendung und entwickelt eine spirituelle Dimension. Sie sucht sich auch an einer Auslegung der Schöpfungsgeschichte zu beteiligen, jener tragischen Kosmogonie, die nicht nur den Fall des Menschen mit sich brachte, sondern auch den der Natur. Wie Paulus sagt, ist die Schöpfung im Exil und im Leiden und erwartet ihre Befreiung durch den Menschen. Gerhard Dorn, ein Schüler von Paracelsus, ist ein typischer Vertreter dieser Entwicklung. In diese Bewegung, die so reich an Publikationen ist, lässt sich auch „Die Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz“ einordnen.
Der Autor dieses Manifestes, Johann Valentin Andreae (1586-1654), entstammt einer angesehenen Theologenfamilie. Sein Großvater, Jacob Andreae, war einer der Redakteure der „Konkordienformel“, einem wesentlichen Bestandteil der Geschichte des Protestantismus. In Anerkennung seiner Verdienste gewährte ihm Pfalzgraf Otto Heinrich das Recht, ein Wappen zu führen. Jacob gestaltete es, indem er dem Kreuz des Heiligen Andreas, seines Namenspatrons, vier Rosen beifügte, zu Ehren Luthers, dessen Wappen eine Rose enthielt.
Das Wappen Luthers kann so beschrieben werden: In der Mitte befindet sich ein schwarzes Kreuz, das auf den Tod des Leibes hinweist und daran erinnert, dass der Glaube an den gekreuzigten Christus selig macht. Dieses Kreuz ruht im Zentrum eines roten Herzens als Symbol des Lebens. Letzteres ist in eine weiße Rose eingefügt, das Zeichen der Freude und des Friedens. Das Ganze ist von einem goldenen Ring umgeben, der das ewige Leben symbolisiert.
Es ist möglich, dass dieses Wappen von den Schriften des Heiligen Bernhard inspiriert wurde, den Luther sehr schätzte. In seinen Predigten über das „Hohelied Salomos“ hat Sankt Bernhard nämlich oft Bezug genommen auf das Bild des mit einer Blume verbundenen Kreuzes, wenn er auf die Hochzeit der Seele mit Gott anspielte.
Von Kindesbeinen an war Johann Valentin Andreae von Alchemie umgeben. Sein Vater, ein Pastor in Tübingen, besaß ein Laboratorium und sein Cousin Christoph Welling war ebenfalls ein begeisterter Anhänger dieser Wissenschaft. Wie sein Vater studierte er Theologie. Der Theologe Johann Arndt betrachtete ihn als seinen geistigen Sohn und hatte großen Einfluss auf ihn. Johann Arndt zählte zur Richtung von Valentin Weigel, die versuchte, eine Synthese herzustellen zwischen rheinisch-flämischer Mystik, der Hermetik der Renaissance und der Alchemie des Paracelsus. Johann Valentin Andreae war außerdem mit Tobias Hess befreundet, einem Theologen, der sich der paracelsischen Medizin und der Naometrie verschrieben hatte. Er widmete sich auch selbst dieser Wissenschaft der „Tempelvermessung“, als er in Tübingen seinem Meister und Gönner, dem Theologen Matthias Hafenreffer half, die Stiche zu einer Studie über den Tempel des Ezechiel zu entwerfen. Johann Valentin Andreae interessierte sich sehr für die Mittlerrolle der Symbole in der spirituellen Erfahrung. In diesem Punkt schloss er sich den Bestrebungen seines Meisters Johann Arndt an. Da er sehr von der Mystik geprägt war, wurde er als ein Vorläufer des Pietismus angesehen.
(…)
Das dritte Rosenkreuzer-Manifest ist sehr verschieden von den beiden vorhergehenden. Hier in groben Zügen sein Inhalt. In diesem Text erzählt Christian Rosenkreutz, ein Greis von achtzig Jahren, sein selbsterlebtes Abenteuer. Es handelt sich um eine Erzählung von sieben Tagen, während derer er an einer königlichen Hochzeit teilnimmt…
Im kommenden Blogbeitrag werden wir die komplexe und symbolträchtige Handlung der „Chymischen Hochzeit“ etwas näher betrachten.
Quelle:
Christian Rabisse: Geschichte und Mythos der Rosenkreuzer (frz. Original: Rose-Croix : Historie et mystères), Verlag AMORC-Bücher, Baden-Baden 2007

