Aus der rosenkreuzerischen Geschichte – Die Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz (Fortsetzung)

Aus der rosenkreuzerischen Geschichte – Die Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz (Fortsetzung)

In diesem Blogbeitrag werden wir die komplexe und symbolträchtige Handlung der „Chymischen Hochzeit“ etwas näher betrachten und dadurch einen Eindruck der alchymischen Sprache des Barocks zu vermitteln versuchen. Wir zitieren wieder aus dem Werk von Christian Rebisse, Geschichte und Mythos der Rosenkreuzer (frz. Original: Rose-Croix : Historie et mystères), Verlag AMORC-Bücher, Baden-Baden 2007:

Von einem geflügelten Boten eingeladen, verlässt Christian Rosenkreutz 1459 seine am Abhang eines Berges gelegene Eremitage, um sich zu dieser Hochzeit zu begeben. Nach einigem Umherwandern gelangt er auf den Gipfel eines hohen Berges, nachdem er drei aufeinander folgende Mauerringe überwunden hat. Dort wird er wie die anderen Gäste einer Prüfung durch die Waage unterzogen und für tugendhaft genug befunden, um an der Hochzeit teilzunehmen. Die Auserwählten erhalten ein Goldenes Vlies und werden der königlichen Familie vorgestellt.

Während man erwartet, an einer Hochzeit teilzunehmen, ist es die Enthauptung der königlichen Familie, die Christian Rosenkreutz erzählt. Die Särge werden dann in sieben Schiffe geladen zum Abtransport zu einer weit entfernten Insel. Am Bestimmungsort werden sie in ein seltsames Gebäude mit sieben Stockwerken verbracht, den Olympischen Turm.

Die weitere Erzählung lässt uns einen eigenartigen Aufstieg der Gäste durch die sieben Etagen des Turmes erleben. In jedem Stockwerk nehmen sie, unter der Leitung einer Frau und eines Greises, an alchimistischen Operationen teil. Man nimmt eine Art Destillation der königlichen Überreste vor, woraus man eine Flüssigkeit erhält, die alsbald ein weißes Ei gebiert. Aus diesem schlüpft ein Vogel, der gemästet wird, um danach geköpft und zu Asche verbrannt zu werden. Aus den Rückständen fertigen die Gäste zwei winzige Statuen an. Diese Menschlein werden gefüttert, bis sie die Größe von Erwachsenen erreichen. Eine letzte Handlung vermittelt ihnen die Flamme des Lebens. Die zwei Menschlein sind niemand anderes als der König und die Königin, die von neuem zum Leben erwacht sind. Wenig später empfangen die Letzteren ihre Gäste im Orden vom Goldenen Stein und alle kehren ins Schloss zurück. Jedoch hat Christian Rosenkreutz während seines ersten Tages im Schloss eine Indiskretion begangen. Er war in das Mausoleum eingedrungen, in welchem die schlafende Venus lag. Diese Indiskretion trug ihm ein, dass er dazu verurteilt wurde, Schlosswächter zu werden. Das Urteil scheint nicht ausgeführt worden zu sein, denn die Erzählung endet plötzlich mit der Rückkehr des Christian Rosenkreutz in sein ursprüngliches Zuhause. Der Autor gibt zu verstehen, dass der Eremit, der 80 Jahre alt ist, nur noch wenige Jahre zu leben hat. Dieses letzte Element scheint der „Fama Fraternitatis“ zu widersprechen, die besagt, dass Christian Rosenkreutz bis zum ehrwürdigen Alter von 106 Jahren lebte. Außerdem zeigen andere Stellen der Erzählung einen Christian Rosenkreutz, der sehr verschieden ist von dem, der in den ersten Manifesten vorgestellt wird.

 

Eine Barockoper

Wie Bernhard Gorceix herausstellt, trägt der Text von Johann Valentin Andreae den Stempel der Kultur des 17. Jahrhunderts, jener des Barock, wo Allegorie, Fabel und Symbol einen herausragenden Platz einnehmen. Für ihn ist der Roman von Johann Valentin Andreae ein bedeutendes Werk der Literaturgeschichte. Es ist in der Tat eines der besten Zeugnisse des aufkommenden Barocks des 17. Jahrhunderts. Man findet darin die Vorliebe für das Wunderbare und für das Ornament. Das Schloss, in welchem die Hochzeit stattfindet, ist prunkvoll. Seine Gärten spiegeln das Interesse der Epoche für Parkanlagen mit Fontänen und Automaten. In dieser Erzählung bedient man sich in mehreren Szenen des aufwändigen Dekors, besonders in einer der eindrucksvollsten Episoden, nämlich jener des Gerichts, in welcher die Gäste einer nach dem anderen auf einer Waage platziert werden, die ihre Tugend misst. Der Autor lässt uns den eigenartigen Vorbeimarsch verschleierter Jungfrauen erleben, die sich durch die Pfeile eines etwas undisziplinierten Amor kaum stören lassen. Man begegnet Fabeltieren: Einhörnern, Löwen oder dem Phönix…

Die Kostüme der verschiedenen Personen sind luxuriös, und im Laufe der Erzählung ändern einige die Farbe von Schwarz über Weiß zu Rot, je nach dem Stand der laufenden alchemischen Transmutation. Feste und Bankette, bei denen unsichtbare Diener servieren, unterbrechen die Handlung. Die Musik, oft von unsichtbaren Musikern gespielt, begleitet die Erzählung. Trompeten und Zimbeln kündigen eine Änderung des Bühnenbildes oder den Auftritt von Personen an. Der Text ist von Gedichten durchzogen und die Haupthandlung wird durch ein Theaterstück unterbrochen. Auch Humor fehlt nicht in diesen alchimistischen Stück, zeigt sich oft in unerwarteten Augenblicken, wie zum Beispiel in der Gerichtsepisode am dritten Tag, die Anlass zu einigen derben Witzen gibt. In jenem Augenblick, als die Transmutation am sechsten Tag praktisch abgeschlossen ist, organisiert jener, der die Operation leitet, eine Maskerade, um die Gäste glauben zu lassen, dass sie an der Endphase des Werkes nicht teilnehmen werden. Am Ende der Posse „hält sich der Autor den Bauch vor Lachen“. Die Erzählung enthält auch verschlüsselte Schriften und ein chiffriertes Rätsel, das Leibnitz bemüht war zu lösen. Wie man sehen kann, liegt uns ein sehr reichhaltiger Text vor, jedoch in einem Stil, der sehr verschieden ist von dem der „Fama Fraternitatis“. (Fortsetzung folgt!)

In unserem nächsten Blogbeitrag wird es um den Begriff der „inneren Alchemie“ gehen und darum, was es mit der in Andreaes Werk farbenprächtig geschilderten Hochzeit in spiritueller Hinsicht auf sich hat.