Aus der rosenkreuzerischen Geschichte – Die Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz (Fortsetzung)
Aus der rosenkreuzerischen Geschichte – Die Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz (Fortsetzung)
In diesem Blogbeitrag geht es um den Begriff der „inneren Alchymie“ und darum, was es mit der in Andreaes Werk farbenprächtig geschilderten Hochzeit in spiritueller Hinsicht auf sich hat. Wir zitieren ein weiteres Mal aus Christian Rebisse, Geschichte und Mythos der Rosenkreuzer (frz. Original: Rose-Croix: Historie et mystères), Verlag AMORC-Bücher, Baden-Baden 2007 – zu beziehen über den Verlag AMORC-Bücher www.amorc-verlag.de oder im Buchhandel.
Innere Alchemie
Im Jahr, das der Herausgabe der „Chymischen Hochzeit“ folgte (1617), veröffentlichte der Alchemist Ratichius Brotoffer das „Elucidarius Major“ (Das Größere Licht), ein Buch, in welchem er versucht, Beziehungen herzustellen zwischen den sieben Tagen der „Hochzeit“ und den Stufen des alchemistischen Werkes. Er gibt jedoch zu, dass der Text des Johann Valentin Andreae dunkel ist. Später haben sich weitere Autoren, wie Richard Kienast (1926) oder Will-Erich Peukert (1928) bemüht, hinter das Mysterium dieses Textes zu kommen. Neuerdings haben Bernard Gorceix, Serge Hutin und vor allem Roland Edighoffer dieses Werk mit großer Sachkenntnis analysiert. Der Text der „Hochzeit“ hat kaum Ähnlichkeit mit den Werken der Alchimisten. Es handelt sich nicht um eine didaktische Abhandlung, und ihr Zweck ist nicht, Operationen im Laboratorium zu beschreiben. Nebenbei bemerkt ist darin nicht die Rede davon, den Stein der Weisen herzustellen, sondern ein Paar kleiner Menschen zu erzeugen. In den sieben Tagen, die in der Erzählung beschrieben werden, nimmt die alchimistische Symbolik im Wesentlichen ab dem vierten Tag die erste Stelle ein.
Paul Arnold versuchte zu zeigen, dass die „Chymische Hochzeit“ nur eine Bearbeitung des Zehnten Gesanges von Edmund Spencers Dichtung „Die Feenkönigin“ (1594) ist, in welcher der Ritter vom Roten Kreuz auftritt. Jedoch ist seine Beweisführung nicht sehr überzeugend. Roland Edighoffer hat seinerseits gezeigt, dass die Erzählung von Johann Valentin Andreae eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Buch „Clavistotius philosophiae chimisticae“ (Vollständiger Schlüssel alchemistischer Philosophie) von Dorn aufweist. Das Buch dieses Schülers des Paracelsus wurde 1567 herausgegeben und dann in den ersten Band des „Theatrum Chemicum“ integriert, das 1602 bei Lazare Zetzner erschien. In diesem Text behauptet Gerhard Dorn, dass die Reinigung, die der Alchemist mit der Materie vornimmt, sich auch am Menschen selbst vollziehen kann. Sein Buch lässt drei Personen auftreten, welche die verschiedenen Teile des Menschen versinnbildlichen: Körper, Seele und Geist. Alle drei diskutieren an einer Wegkreuzung, welcher Weg einzuschlagen sei, um in drei Schlösser zu gelangen, die auf einem Berg liegen. Das erste dieser Schlösser ist aus Kristall, das zweite aus Silber und das dritte aus Diamant. Nach einigen unerwarteten Ereignissen und einer Reinigung in der Liebesquelle erreichen die Personen die sieben Stufen, die den Prozess der inneren Erneuerung des Menschen kennzeichnen. Es ist verblüffend festzustellen, dass man hier im Wesentlichen die Rahmenerzählung der „Hochzeit“ wiederfindet.
Die spirituelle Hochzeit
Als Motto seines Buches nennt Johann Valentin Andreae: „Die Geheimnisse verlieren ihren Wert, wenn sie enthüllt werden; und entweiht verlieren sie ihre Gnade.“ Tatsächlich verlieren die Initiationsmysterien ihren Wert, wenn sie nur durch den Filter des Intellekts gehen. Wie kann man unter diesen Bedingungen das Werk analysieren, das uns hier interessiert, ohne es zu entweihen? Wir bilden uns sicher nicht ein, alle seine Geheimnisse aufdecken zu können, aber es erschien uns interessant, drei wichtige Themen herauszuheben, die in dem initiatorischen Roman von Johann Valentin Andreae vorkommen: Die Hochzeit, der Berg der Offenbarung und schließlich die Sieben Teile des Werkes.
Die heilige Vermählung, die Hierogamie nimmt in den Mysterien der Antike einen wichtigen Platz ein. Im Christentum, so beim heiligen Bernhard (1090-1153), wird diese Thematik in Kommentaren über das Hohelied entwickelt. In seiner Abhandlung „Über die Liebe Gottes“ beschreibt er den Weg der Seele zu den oberen Sphären, dessen letzte Etappe die spirituelle Hochzeit ist. Diese Symbolik erfuhr eine große Verbreitung bei den rheinisch-flämischen Mystikern, besonders bei den Beginen und bei Jan van Ruysbroek, dem Verfasser der „Zierde der geistigen Hochzeit“ (1335). Bei vielen Autoren, so bei Valentin Weigel, ist das Thema der spirituellen Hochzeit mit dem der Erneuerung und der Wiedergeburt verbunden. Bei Letzterem gesellt sich die alchemistische Symbolik zu der des Christentums.
Ganz allgemein nimmt die Königliche Hochzeit in der Alchemie einen wichtigen Platz ein, und C. G. Jung zeigte, dass sie sich besonders gut eigne, um die Phasen des Individuationsprozesses zu beschreiben. Die Vermählung des Königs mit der Königin versinnbildlicht die Vereinigung der zwei Polaritäten des Menschen, Animus und Anima, und führt so zur Entdeckung des Selbst. C. G. Jung hat seine Untersuchungen in mehreren Büchern dargelegt, von denen „Psychologie und Alchemie“ (1944) das charakteristischste ist. Jedoch war es sein „Mysterium Coniunctionis – Studien zur Trennung und Vereinigung psychischer Gegensätze in der Alchemie“ (1954), mit dem er seine Untersuchungen am weitesten vorangetrieben zu haben glaubte. In diesem Werk bildet die „Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz“ ein grundlegendes Element seiner Überlegungen. Im Gegensatz dazu, was sein Titel ankündigt, ist im Text des Johann Valentin Andreae nicht die Rede von einer Hochzeit. Wenigstens wird die Zeremonie der Vermählung nicht beschrieben in diesem Roman, dessen Handlung sich um die Auferstehung eines Königs und einer Königin kristallisiert. Wie der heilige Bernhard und die Mystiker der vorhergehenden Epochen, behandelt Johann Valentin Andreae in seinem Buch die Hochzeit des inneren Menschen – verstanden als eine Erneuerung.
Das Schloss der Seele
Der Ort der Hochzeit wird auf einen Berg verlegt. In der traditionellen Symbolik ist dieser Ort, als Berührungspunkt zwischen Himmel und Erde, der Sitz der Götter und der Auferstehung. Wie Marie-Madeleine Davy in „Der Berg und seine Symbolik“ so gut gezeigt hat, bedeutet den Berg zu besteigen, sich auf die Suche nach dem Selbst zu begeben und den Aufstieg ins Absolute zu unternehmen. Die Botschaft der Einladung, die Christian Rosenkreutz überbracht wird, besagt, dass er den Gipfel eines Berges erreichen muss, den drei Tempel krönen. Jedoch in der Folgeerzählung ist von einem Schloss die Rede.
Christian Rosenkreutz schreitet durch zwei Portale und gelangt in den Schlosshof, wo die Vorbereitungen zur großen Transmutation im Gange sind. Dann ist da ein dritter Ort, in einem Turm auf einer Insel gelegen, wo das große Werk vollbracht wird. Man findet hier wieder das Thema vom Schloss der Seele, von dem Meister Eckart (1260-1328) und die heilige Teresa von Avila (1515-1582) sprechen. Bei Ihnen wird die Suche der Seele oft als Eroberung eines Schlosses dargestellt. Die alchemistischen Texte verbinden beide Elemente und sprechen von einem Schloss auf einem Berg. Wir sahen weiter oben, dass Gerhard Dorn von drei Schlössern auf einem hohen Berg sprach. Berg, Schloss, Tempel oder Turm – in unserer Erzählung findet man eine ganze Reihe symbolischer Elemente wieder, die an die Idee von Wanderschaft und Aufstieg erinnern.
Aber der Tempel oder das Schloss, auf einem hohen Berg gelegen, kann auch einen eschatologischen Aspekt aufweisen und an den zukünftigen Tempel erinnern, von dem Ezechiel in seinen Visionen spricht. Nach der Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalem wurden die Juden nach Babylon verschleppt. Dort hatte der Prophet die Vision von einem zukünftigen Tempel. Er zieht eine Parallele zwischen dem Exil der Juden und der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies. Die Zerstörung des Tempels bewirkt den Rückzug Gottes aus der Schöpfung, da Gott von nun an zum einzigen „Ort“ wird, wo der Mensch Gottesdienst halten kann. Jedoch kündigt Ezechiel die Errichtung eines neuen Tempels an, eines dritten, der mit der Erneuerung der Schöpfung einhergeht. Der Prophet beschreibt ihn als auf einem „hohen Berg“ gelegen. Er erklärt, dass ein Abbild des Tempels schon in der überirdischen Welt existiert. Diese Vision hatte später großen Einfluss auf die Essener und war der Ursprung aller apokalyptischen Literatur. Man erinnere sich der Bedeutung der Tempelvision des Ezechiel in der „Naometria“ des Simon Studion, und es ist bekannt, dass Johann Valentin Andreae ebenfalls Gelegenheit hatte, dieses Thema mit Matthias Hafenreffer zu bearbeiten. Außerdem weist die „Hochzeit“, wie Roland Edighoffer zeigte, viele eschatologische Aspekte auf. Es ist erstaunlich zu sehen, dass uns wenig später die Idee eines endzeitlichen Tempels bei Robert Fludd wieder begegnet. Für Letzteren ist der Berg, auf dem dieser Tempel errichtet ist, kein anderer als der Berg der Initiation.

